Single sein: Eine Experimentierwerkstatt in Nürnberg

Mann allein
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Ein Diskussionsanstoß vom Amt für Gemeindedienst

Stellen Sie sich vor, Sie sind Anfang 30, Single, ziehen berufsbedingt in eine neue Stadt und überlegen, sich auch mal Ihre Kirchengemeinde anzuschauen. Früher haben Sie begeistert
Jugendarbeit gemacht, aber diese Zeit ist vorbei. Was hat Ihnen die neue Kirchengemeinde in Ihrer Lebenssituation zu bieten? Viele würden antworten: Eine ganze Menge. Sie können
überall mitmachen, z.B. im Kirchenvorstand oder im Chor oder auch beim Gottesdienst.

Aber wie viele Singles in diesem Alter engagieren sich tatsächlich? Wie viele kommen zum Kirchencafé dazu, wenn die Anderen die beste Kita diskutieren, über die Herausforderungen der Pubertät fachsimpeln, sich über Kleinkindersprüche der Enkel amüsieren oder sich um die Ausbildung ihrer Kinder sorgen? Was hat Kirche einem Single, für den Familie kein Thema ist, zu bieten? Wer fühlt sich überhaupt zuständig, v.a. wenn es nicht um "junge Erwachsene" geht, sondern um Männer und Frauen in den besten Jahren?

Laut Statistischem Bundesamt leben derzeit an die 18 Millionen Singles in Deutschland – Tendenz steigend. Die Zahlen scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen, doch werden
die Zahlen auf der Grundlage steuerlicher und sozialversicherungstechnischer Aspekte sowie der Wohnverhältnisse erhoben. Wer jedoch alleine wohnt oder nicht verheiratet ist, ist
nicht automatisch Single. Wird über Single sein gesprochen, dann ist damit weit mehr gemeint als lediglich die steigende Anzahl der Einzelpersonenhaushalte. So bezeichnet der
Begriff Singles meist Menschen, die ohne feste, dauerhafte Partnerschaft leben. Ungeklärt bleibt dabei auch, ob das Alleinleben ein beabsichtigter Lebensstil oder eine Not- bzw.
Übergangslösung ist. Fakt ist, dass Singles keine homogene Gruppe sind, sondern Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Wir vom Amt für Gemeindedienst fragen uns:  

  • Wer ist überhaupt Single?
  • Und wie lebt es sich als Single in der Kirche?
  • Ist unsere Kirche Single-freundlich?
  • Kommt Single sein als Thema in der Kirche vor?
  • Ist unsere Sprache inklusiv?
  • Braucht es vielleicht ein spezielles Angebot und wenn ja, wie könnte es aussehen? 

Der Anstoß

Doch wie kann Kirche Singles als energetische, einfallsreiche und engagierte Menschen ansprechen und/oder (wieder-)gewinnen?

In Befragungen zeigte sich: Anliegen, Themen und Probleme von Singles sollen auch im Gottesdienst und in Predigten vorkommen. Angebote dürfen nicht alleine auf Familien und verheiratete Paare ausgerichtet sein. Kasualien und Angebote dürfen keinen ausschließenden Charakter haben. Es braucht mehr Gelegenheiten für Gastfreundschaft und Begegnung sowie Räume, um Freundschaften und Austausch zu ermöglichen. Gebete für Alleinstehende, Single-Reisen aber auch Outdoor-Aktivitäten wurden ebenfalls als attraktive Angebote genannt.

Mit Blick auf die aktuelle Ehrenamtsstudie der ELKB kristallisieren sich weitere Anknüpfungspunkte auch hinsichtlich der Zukunft des Ehrenamts als gemeindepädagogische Herausforderungen heraus:

  • Wo bietet Kirche Menschen, die nicht verheiratet sind, keine Kinder haben und nicht musikalisch sind, Kontaktflächen und Engagementfelder?
  • Wie kann Kirche den Menschen, die nicht in einer Paarbeziehung leben, oft beruflich stark eingespannt sind oder waren und durch ihre Lebensform privat auf soziale Netzwerke angewiesen sind, Zugang zu kirchlichem Ehrenamt eröffnen?

Die ExperimentierWerkstatt

Beim Fachtag gibt zunächst ein Faktencheck (Stephan Baas, Soziologe und Gerontologe, Saarland) Aufschluss über aktuelle Zahlen, Entwicklungen wie auch zur Bedeutung des Begriffs Single, der Verschiedenes bezeichnen kann.

In drei Workshops bietet sich die Möglichkeit, das Thema Single sein mit Blick auf unterschiedliche Lebensphasen – Jugend, mittleres Alter, Alter – mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zu betrachten.

Mit Hilfe der Single-Speed-Meeting-Methode können die Eindrücke aus den Workshops miteinander diskutiert werden. Mit den gewonnenen Erkenntnissen und offenen Fragen und Ideen werden wir bei einer moderierten Podiumsdiskussion mit kirchenleitenden Vertreter*innen und Expert*innen ins Gespräch kommen und erste Impulse geben.

Exemplarische Erfolgsrezepte

Eine Vorreiterrolle im Blick auf Singles übernimmt das Erzbistum Köln. Seit 2016 gibt es dort eine eigene Singlepastoral. Eigene Angebote für Singles werden geschaffen, so z.B. eigens konzipierte Single-Gottesdienste (2019 "Solo, aber nicht ohne") und Veranstaltungsangebote wie Wanderungen und Gesprächsnachmittage. Singles fühlen sich laut Single-Pastoral-Referentin Dr. Hedwig Lamberty in der Kirche nicht wahrgenommen. Kirche schenke in der Regel der Familie und Ehepaaren die meiste Aufmerksamkeit. Viele Singles fühlen sich in der Kirche nicht vertreten oder sogar ausgeschlossen. Das Erzbistum hat daher unter dem Stichwort "Pastoraler Zukunftsweg" den Beschluss gefasst, diese wachsende Gruppe stärker in den Blick zu nehmen. Es gibt Wochenendangebote für Singles, um sich austauschen zu können und es werden Netzwerke aufgebaut mit ansprechenden Aktionen für Singles.

Auf evangelischer Seite schreibt das Netzwerk "Solo&Co" Erfolgsgeschichte. Angefangen hat alles mit einer Silvester-Feier: In den 1990er Jahren arbeitete Astrid Eichler noch als
evangelische Pfarrerin in der ostdeutschen Prignitz. Weil sie den Jahreswechsel nicht alleine feiern wollte, lud sie andere Singles ein, um mit ihr zu feiern. Danach wurde sie regelmäßig
als Referentin zu Tagungen zum Thema Singles eingeladen. 2006 veröffentlichte sie das Buch "Es muss was Anderes geben", das Alleinstehenden eine Lebensperspektive eröffnet.
Und plötzlich war die Idee da: Warum sich nicht dauerhaft mit anderen zusammentun? Aus der Idee entstand das Netzwerk "Solo&Co", dem inzwischen über 1.000 christliche Netzwerker*innen aus ganz Deutschland angehören. Eichler arbeitet nicht mehr als Pfarrerin, sondern als Geschäftsführerin von "Solo&Co". Die Mitglieder profitieren von einer großen Spanne an Angeboten: von unverbindlichen Gruppen in sozialen Medien über thematische Impulstage, Themenwochenenden bis hin zum Zusammenleben in "gemeinschaftlichen Lebenszellen" – einer Art spirituellen WG. Mit diesem Angebot stößt der Verein in ein seelsorgerliches Vakuum. "Es gibt so viele pastorale Angebote, für Kinder, Jugendliche, Familien
usw. – nur Singles sind außen vor", betont Eichler. Im Netzwerk "Solo&Co" gründet sich gerade eine "Fachstelle für Gemeinschaft", die sich in Kooperation mit einer schon bestehenden Schweizer Initiative damit beschäftigt, welche Modelle der Verbindlichkeit es auch für Singles geben könnte. 

Wer kann teilnehmen?

Die Veranstaltung richtet sich sowohl an Menschen, die selbst als Singles leben, als auch an Menschen in der Kirche, die sich für das Thema interessieren: Gemeindeglieder, Haupt- und
Ehrenamtliche in Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen, Mitarbeitende und Leitende in Kirche und Diakonie.

Hier ist der Flyer mit allen Infos: