Notizen aus der Klinikseelsorge in Zeiten von Corona

"... und ihr habt mich besucht" Mt 25,36

Besuchsverbot

Im sog. Gleichnis vom Weltgericht werden wir u.a. danach beurteilt, ob wir Kranke besuchen. Das klingt harmlos, fast läppisch. Sollte man nicht mehr erwarten, gerade von Jesus? Schließlich wird erzählt, dass er Kranke keineswegs besuchte. Sie kamen zu ihm, oder wurden zu ihm gebracht – und dann heilte er sie.
Nichts davon wird von uns verlangt. Nur besuchen sollen wir Kranke, wie auch Gefangene, die isoliert sind, nicht heraus können aus ihrem Gefängnis.

In Zeiten des Besuchsverbotes in Kliniken bemerkt man, was ein Besuch bedeuten kann. Auf einmal darf man seine Angehörigen und Zugehörigen nicht mehr besuchen. 

Es gibt Ausnahmen. Sterbende dürfen weiter besucht werden. Die können nicht warten, bis die Corona-Krise überwunden ist. Ihre Lebenszeit ist noch einmal ganz anders befristet. Aber wie verrückt ist das, dass man im Sterben liegen muss, um noch Besuch erhalten zu können.

Es lebe das Telefon, das Handy, das Smartphone. Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist wunderbar, oft unersetzbar. Und doch muss es Ersatz geben. Und es gibt ihn. Wenn das Telefon funktioniert. Und wenn man es bedienen kann. Oder hilfreiche Hände die Nummer eintippen oder das Telefon reichen. 
Wie gut, wenn eine 90-Jährige mit dem Smartphone umgehen kann. Es hängt am Ladekabel, liegt mit im Bett, unter der Schulter, jederzeit erreichbar.
Es war schon das Telefon, das ihr das Leben rettete, als sie der Schlag traf. Sie konnte noch die Tochter anrufen, die wiederum ihre Schwester im Haus benachrichtigen konnte - und die den Notarzt.

Klaus Wagner-Labitzke

Wie prekär und erleichternd, wenn die gelähmten Hände in dem Moment wieder das Smartphone halten und bedienen können, in dem die Ehefrau nicht mehr kommen kann. Eigentlich eine Katastrophe für ihn. Die Monate hätte er, wie er sagt, wohl nicht überstanden ohne die täglichen Besuche seiner Frau. Und nun das, Besuchsverbot, ein Albtraum. Telefonieren ist kein wirklicher Ersatz. Und doch muss er es sein. Hoffentlich nur vorübergehend.

Andere sind fast ein wenig erleichtert: der Besuch der Angehörigen war auch anstrengend, gar belastend. Nicht immer will man besucht werden, und nicht von jedem; nicht einmal von den geliebten Menschen. 

Und dann die Überraschung: Es kommt doch noch Besuch. Doch nicht von außen, sondern vom Haus. Die ehemalige Bettnachbarin stattet im neuen Einzelzimmer einen Besuch ab. Sie kann schon wieder gehen, mit dem Rollator. Was zugleich bedeutet, dass sie nicht mehr lange in der Klinik ist. Sie kann entlassen werden.

Manchmal helfen nur noch verblüffende, erschreckende, irritierende Weisheiten. Da ist der Spruch eines gallischen Mönchs, SULPICIUS SEVERUS (4. Jh.), von dem ich nur weiß, dass er in die Wüste ging: Wer von Menschen besucht wird, kann nicht von den Engeln besucht werden. 

Darin steckt die tröstliche Möglichkeit der Umkehrung: wer nicht von Menschen besucht wird, kann immer noch von Engeln besucht werden.

Pfarrer Klaus Wagner-Labitzke

Hinweis: weitere Andachten wie diese finden Sie hier.