Notizbuch vom 27.07.22 - Herumgeschubstwerden

In der autonomen Republik der Wolgadeutschen ist er inmitten einer Hungersnot geboren. Der frühe Sozialismus machte das Leben schwer. Gerade einmal 20-jährig wurde er ins Altaigebirge vertrieben und dann in den Norden Russlands und von da wieder in den fernen Osten Russlands.
Dass er studierte und Lehrer wurde, interessierte niemanden. Als Teil der „Arbeitsarmee“ schickten sie ihn zusammen mit anderen Menschen vertriebener Völker in die Holzgewinnung. Später musste er unter Tage im Bergwerk arbeiten.

Die religiöse Sprache brachte ihm ja niemand bei. Die Räume des Glaubens konnte er nicht beziehen. Blieben ihm die Räume der deutschen Sprache. Die deutschen Dichter lernte er in- und auswendig; nahm in sein Herz Goethe, Schiller, Heine auf. Stirbt die Sprache, dann stirbt auch die Identität, das wusste er.

Das Herumgeschubstwerden hörte ja nicht auf: Übersiedlung nach Sibirien und dann nach Kasachstan. Erst 70-jährig entscheidet er sich, nach Deutschland auszusiedeln. Es folgten Jahre, die ihn versöhnt haben und diese eine Frage beantworten halfen: Wo bin ich zuhause?

Ich welchen Räumen bin ich denn zuhause? Welche Sprache übe ich denn ein, um nicht verloren zu gehen?
„Ich darf in dein Haus gehen“ – heißt es in lyrischen Psalmworten. Den Glauben wie ein Haus bewohnen. Klingt nach Ankommen und nach Heimat. Es lohnt sich, jetzt schon dort einzuziehen.

Ich schaue mit Respekt auf Christian Gies, der vergangene Woche 100-jährig starb. Seine Sprache, seine Familie, seine Hoffnung ließen ihn nicht verloren gehen.