Der Gärtner

Der Garten und der Gärtner
Bildrechte: Markus Merz

Manche hatten danach gefragt: Ist denn der Gärtner noch einmal gekommen? Ist er nicht. Aus dem Notizbuch über die Begegnung mit ihm um Ostern 2020.              

 

Der Blick morgens aus dem Fenster. Ich ärgere mich: Jemand hat große Taschen im Innenhof abgestellt. Ich gehe hinunter: Allerlei Papier. Müll. Zwischendrin Essbares. Was soll das? Ich mag es kaum anrühren. Die Lebensmittel stelle ich vor das Gemeindehaus. Der Rest wird entsorgt.

Später sitze ich wieder am Schreibtisch. Ich versetze mich hinein in Maria Magdalena, die Jesus sieht und ihn doch nicht erkennt, ja ihn für den Gärtner hält. Was bedeutet das, wenn Gott sich so verbirgt, ja verkleidet? Fast fertig der Text. Es klingelt es an der Tür.

Ein Mann mit einer großen vollen Tasche steht da. Die Konservendosen vor dem Gemeindehaus hätte er wohl gesehen. Ob ich denn wüsste, wo der Rest sei, den er zwischenzeitlich abgestellt hatte.

Schuldbewusst führe ich ihn zur Mülltonne, wo er sogleich ohne jeden Vorwurf allerlei wieder herausfischt. Ausgeschnittene Zeitungsmeldungen, Apothekenrundschau, Plastikhandschuhe, Broschüren. Da entdeckt er auch seine IKEA-Tasche wieder, nimmt sie dankbar und füllt sie

Es sei eine schwere Zeit, sagt er. Er hat Angst vor den Nachbarn. Darum ziehe er als Obdachloser umher. Mag eigentlich gar nicht zurück. Würde so gerne arbeiten. Schließlich sei er ja Gärtner. Doch selbst als Saisonarbeiter nehmen sie ihn nicht.

Sie behaupten, er würde Müll im Hausflur sammeln. Dabei seien doch die Plastiktüren noch alle gut zu gebrauchen. Und dass der Nachbar seine Thuja-Hecke abgesägt hatte, war einfach nur gemein; selbst die Polizei habe nicht eingegriffen.

Er sehnt sich nach Familie und dass ihn einfach einmal jemand einlädt. Er ist so allein. Und wenn alles gut geht, würde er endlich wieder als Gärtner arbeiten. Ich spreche einen Reisesegen für ihn. Die Hand reiche ich ihm nicht. Ich gebe ihm ein wenig Geld mit und eine Osterkerze. (10.4.2020)