Andacht: Sommergedanken

Steg Wiese Sommer
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Ruhig sitzt sie da und wartet.

Nur drei Dinge sind in ihrem kurzen Leben von Bedeutung: Der Geruch von Buttersäure, der ihr signalisiert: "Lass dich fallen!" Ihr Tastsinn, der ihr sagt, ob sie auch da gelandet ist, wo sie hinwollte. Und ihre Fähigkeit, Wärme wahrzunehmen, um die beste Stelle zum Andocken zu finden. Mehr braucht die Zecke nicht, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Schweiß, Wirtstier, Blut. Das ist ihre Welt. 

Apfelkuchen, Raumfahrt oder Stepptanz dagegen liegen weit jenseits ihrer Vorstellungskraft. Würde man sie danach fragen, dann würde sie wahrscheinlich sagen: "So ein Blödsinn, hab ich noch nie gerochen, gibt’s nicht."

Auch wir sind Kinder der Evolution. Im Laufe der Jahrmillionen hat sie uns genau wie die Zecke mit genau den Fähigkeiten ausgestattet, die wir zum Überleben und Fortpflanzen brauchen. Ganz ohne Zweifel sind diese Fähigkeiten viel komplexer. Wir können Stepptanzen, zumindest theoretisch. Und Apfelkuchen essen, und einige wenige sogar zum Mond fliegen. 
Aber genau wie bei der Zecke gibt es Dinge, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. 

Welche Dinge das sind? Weiß ich auch nicht! Genau das ist ja der Punkt. Ich weiß nur, dass es sie logischerweise geben muss, unendlich viele Dinge zwischen Himmel und Erde und darüber hinaus, von denen ich nicht einmal den blassesten Schimmer habe. 

Im Unterschied zur Zecke allerdings weiß ich, dass ich nichts weiß. Und wie viele Menschen vor mir, fasziniert mich dieses große Geheimnis, dieser Vorhang, den ich nicht lüpfen kann. Ich erahne vielleicht manchmal, was sich dahinter versteckt. Ich erhasche mitunter einen winzigen Blick. Nur um dann noch ratloser, noch staunender davorzustehen und mich am Kopf zu kratzen. "Du sollst dir kein Bild machen", heißt es in der Bibel. Na, wie könnte ich auch. 

An dieser Stelle wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Sommer, hoffentlich mit wenig Zecken, dafür mit umso mehr Apfelkuchen. 

Ihre Pfarrerin Katharina Rigo